Ein kleiner Verlag stößt beim Sichten eines literarischen Nachlasses auf ein vollständiges Romanmanuskript, das seit Jahrzehnten niemand mehr gelesen hat. Solche Funde sind selten, aber sie kommen vor, meist genau dann, wenn niemand mehr damit rechnet.
Ein Nachlass voller unerwarteter Funde
Kleine und mittlere Verlage erhalten regelmäßig Anfragen von Erben, die den literarischen Nachlass eines Verwandten sichten und dabei auf unveröffentlichte Texte stoßen. Die meisten dieser Funde bestehen aus Fragmenten, Notizen oder unvollendeten Entwürfen, gelegentlich jedoch auch aus einem vollständigen, in sich geschlossenen Manuskript.
Bevor ein Verlag über eine mögliche Veröffentlichung entscheiden kann, muss zunächst geklärt werden, was der Text überhaupt enthält, eine Frage, die bei fremdsprachigen Manuskripten nicht trivial ist.
Wenn das Manuskript auf Jiddisch verfasst wurde
Ein bedeutender Teil jüdischer Literatur des frühen 20. Jahrhunderts wurde ursprünglich auf Jiddisch verfasst, der literarischen wie alltäglichen Sprache vieler jüdischer Gemeinden in Ost- und Mitteleuropa. Ein jiddisch übersetzer mit literarischer Erfahrung kann ein solches Manuskript nicht nur wörtlich übertragen, sondern auch seinen Ton und seine erzählerische Struktur für ein heutiges deutsches Publikum bewahren.
Diese Aufgabe unterscheidet sich deutlich von einer rein sachlichen Übersetzung, da literarische Nuancen und ein bestimmter Erzählrhythmus erhalten bleiben müssen.
Hebräische Zitate und ihre Bedeutung im Text
Viele jiddische Texte dieser Zeit enthalten hebräische Zitate, häufig religiöse Anspielungen oder liturgische Formulierungen, die im Originaltext bewusst eingesetzt wurden. Ein hebräisch übersetzer hilft dabei, diese Passagen korrekt einzuordnen, damit sie in der deutschen Fassung weder verloren gehen noch falsch gedeutet werden.
Gerade bei literarischen Texten kann eine falsch übersetzte religiöse Anspielung den gesamten Sinn einer Szene verändern.
Warum Verlage auf beglaubigte Übersetzungen achten
Sobald es um Verlagsrechte, Nachlassfragen oder eine offizielle Bestätigung der Urheberschaft geht, reicht eine literarische Arbeitsübersetzung allein nicht aus. In solchen Fällen verlangen Rechteinhaber oder Gerichte häufig eine beglaubigte übersetzung zentraler Passagen, etwa des Titelblatts oder einer Widmung mit Datumsangabe.
Diese Anforderung überrascht viele kleine Verlage, die sich zunächst nur auf die literarische Qualität der Übersetzung konzentriert hatten.
Der Weg vom Fund zur Veröffentlichung
Zwischen der Entdeckung eines Manuskripts und seiner tatsächlichen Veröffentlichung liegen meist mehrere Schritte: eine erste grobe Einschätzung des Inhalts, eine vollständige literarische Übersetzung, redaktionelle Bearbeitung und schließlich die Klärung aller Rechte mit den Erben. Jeder dieser Schritte kann sich verzögern, wenn die sprachliche Grundlage nicht von Anfang an solide ist.
Verlage, die frühzeitig mit einem erfahrenen literarischen Übersetzer zusammenarbeiten, sparen sich spätere Korrekturschleifen, die bei einem bereits gesetzten Buch deutlich aufwendiger sind.
Wie ein Lektor die erste Sichtung angeht
Bevor überhaupt über eine vollständige Übersetzung nachgedacht wird, lässt ein erfahrener Lektor meist eine grobe Rohübersetzung der ersten Kapitel anfertigen. Diese erste Fassung dient nicht der Veröffentlichung, sondern allein der Einschätzung, ob der Text literarisch trägt und ob sich eine vollständige Übersetzung überhaupt lohnt.
Erst wenn diese Einschätzung positiv ausfällt, beginnt die eigentliche Arbeit an einer vollständigen, stilistisch ausgefeilten Übersetzung, die am Ende tatsächlich gedruckt werden soll.
Zusammenarbeit zwischen Übersetzer und Lektorat
Bei literarischen Wiederentdeckungen arbeitet der Übersetzer in der Regel eng mit dem Lektorat zusammen, oft über mehrere Monate hinweg. Fragen zu Ton, Wortwahl oder dem Umgang mit veralteten Ausdrücken werden gemeinsam geklärt, statt dass der Übersetzer allein über solche Entscheidungen bestimmt.
Dieser Austausch ist besonders wichtig bei Texten aus einer Zeit, deren gesellschaftlicher Kontext heutigen Lesern oft nicht mehr vertraut ist und deshalb behutsam vermittelt werden muss.
Ein Blick auf die Kosten einer literarischen Wiederentdeckung
Anders als bei einer reinen Sachtextübersetzung fällt bei literarischen Werken zusätzlich Zeit für redaktionelle Abstimmung und mehrere Korrekturdurchgänge an. Kleine Verlage kalkulieren deshalb meist einen deutlich größeren Zeitpuffer ein als bei einem regulären Neuerscheinungsprojekt mit bereits vorliegendem deutschsprachigem Text.
Diese zusätzliche Sorgfalt zahlt sich jedoch häufig aus, wenn das fertige Buch am Ende sowohl bei Kritikern als auch bei Leserinnen und Lesern auf Interesse stößt, die genau solche wiederentdeckten Stimmen suchen.
Was solche Wiederentdeckungen für die Literaturszene bedeuten
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verweist regelmäßig darauf, wie wichtig die Wiederentdeckung vergessener Werke für die kulturelle Vielfalt des Buchmarkts ist, besonders wenn es sich um Stimmen handelt, die durch Krieg und Vertreibung lange Zeit unhörbar blieben.
Für einen kleinen Verlag kann ein einziges wiederentdecktes Manuskript zum prägenden Projekt eines ganzen Jahres werden, ein Werk, das ohne eine sorgfältige Übersetzung für immer unzugänglich geblieben wäre.
